Lunch Bytes: „Law Lag“ – ein scheinbar unsterbliches Konzept

11.05.2026

Im Rahmen der Reihe „Lunch Bytes“ fand am 15. April 2026 ein Vortrag von Professor Stephen Hilgartner (Cornell University) statt. Der Titel: „Law Lag“ – ein scheinbar unsterbliches Konzept.

In seinem Vortrag griff Professor Hilgartner das Thema „Law Lag“ auf. Dieser englische Begriff bezeichnet die Vorstellung, dass die Technologie rasante Fortschritte macht, während Recht und Politik Mühe haben, Schritt zu halten. In der kritischen Literatur wird dieses Konzept als eines dargestellt, das Technologien als unvermeidlich darstellt und der Gesellschaft (einschließlich des Rechtsbereichs) lediglich eine passive Rolle zuweist. Damit wird der Spielraum für politische und regulatorische Entscheidungen auf subtile Weise eingeschränkt.

In seinem Vortrag erläuterte Professor Hilgartner, warum das Konzept des „Law Lag“ trotz langjähriger Kritik nach wie vor so attraktiv ist. Seine Vermutung: Diese Sichtweise hält sich, weil sie sowohl für diejenigen, die einen innovationsorientierten Ansatz verfolgen, als auch für diejenigen, die die technologische Entwicklung kontrollieren wollen, ein nützliches Narrativ darstellt. Zudem gebe es Menschen, die sich von den neuen technologischen Entwicklungen überfordert fühlen. Das Konzept des „Law Lag“ könne diesen Menschen laut Professor Hilgartner helfen, ihre Erfahrungen besser zu verstehen.

Anstatt die Gültigkeit des „Law Lag“-Konzepts zu hinterfragen, plädierte Hilgartner dafür, eine andere Frage zu stellen: Unter welchen Umständen entsteht der Eindruck, dass Technologien bereits verfügbar sind, noch bevor Gesetze und politische Rahmenbedingungen zu ihrer Regulierung geschaffen wurden? Zur Beantwortung dieser Frage wurden drei Antworten präsentiert: Erstens können neue Technologien aufgrund der Spezialisierung von Fachwissen selbst für Expert*innen auf einem bestimmten Gebiet als „Überraschung“ kommen. Zweitens sind staatliche Maßnahmen, die neue Technologien systematisch fördern, institutionell verankert und gelten als verbindlich. Drittens haben Überraschungen und Geheimhaltung im Wettbewerb einen strategischen Wert, was Professor Hilgartner anhand historischer Beispiele wie dem „Wettlauf der Labore“in der Entwicklung der Atombombe veranschaulichte.

Zur Konkretisierung stellte er dem Publikum den Begriff der „Wissenskontrollregime“ vor. Diese Regime weisen sowohl die mit Wissen verbundenen Rechte als auch die damit verbundenen Pflichten zu und prägen so die Erfahrung des technologischen Fortschritts entweder als schrittweise Entwicklung oder als plötzlichen Schock. Zu solchen Systemen gehören Regeln und Praktiken, die bestimmen, welche Akteure den technologischen Wandel vorhersehen, gestalten oder darauf reagieren können. Beispiele hierfür sind Vertraulichkeits- und Peer-Review-Regeln sowie der Schutz von Geschäftsgeheimnissen. Darauf aufbauend sprach Professor Hilgartner über die Markteinführung – jede bedeutende Technologie durchläuft einen Moment der Markteinführung, wobei Art und Zeitpunkt dieser Einführung bewusst gewählt werden. ChatGPT wurde als anschauliches Beispiel dafür angeführt, wie durch eine schnelle Markteinführung der Eindruck entstehen kann, die Technologie sei eine technologische Neuheit, die quasi über Nacht entstanden sei, und nicht das Ergebnis eines langwierigen Forschungsprozesses. Anschließend sprach Professor Hilgartner über die Logik des „Blitzscaling“. Dieser Begriff bezeichnet die Praxis, ein Produkt so schnell zu skalieren, dass die Aufsichtsbehörden nicht mithalten können.

In seiner vierten Antwort auf die Frage, welche Umstände dazu führen, dass das Gefühl des „Law Lag“ so weit verbreitet ist, verwies Professor Hilgartner darauf, dass vielfach die Belege fehlen würden, die die Notwendigkeit von Kontrollen untermauern. Selbst wenn Risiken oder Schäden dokumentiert sind, können sie umstritten bleiben. Das führe zu einer ähnlichen Unsicherheit, wie sie in den heutigen Debatten rund um die Regulierung der KI zu beobachten ist.

Die wichtigste Erkenntnis: Das Konzept des „Law Lag“ – auch wenn es sich dabei um eine möglicherweise vereinfachte und theoretisch fragwürdige Form des technologischen Determinismus handelt – stellt nach wie vor eine aussagekräftige Interpretationshilfe dar. Es wird genutzt, um dem raschen Wandel folgen zu können. Da es einen starken Bezug zu den eigenen Erfahrungen dieser Menschen hat, wird es uns wahrscheinlich noch lange begleiten.

Wir danken Professor Stephen Hilgartner für die spannenden Einblicke und allen Teilnehmer*innen für die lebhafte und anregende Diskussion. In der abschließenden Diskussion kristallisierten sich Fragen der Rechtsdurchsetzung sowie des Verhältnisses zwischen „wirtschaftlichen Kräften“ und dem Recht als zentrale Themen heraus.

Die Reihe „Lunch Bytes“ wird von Professorin Iris Eisenberger organisiert.